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Martins Schachkolumne

Nr.8, 01. April 2008

Lobrede auf den Schachspieler mit der dreistelligen DWZ

Martins Schachkolumne Logo Ich habe mich damit abgefunden. Es geht immer weiter nach unten. Nach einer verkorksten letzten Saison und einigen Turnieren unter Niveau geht es auch dieses Jahr wieder abwärts. Ich befinde mich im freien Fall. An meine letzte gewonnene Partie kann ich mich nicht erinnern. Meine Schachbegeisterung ist gebrochen. Der schachliche Alterungsprozess hinterlässt seine Spuren. Die Schachtalente werden immer jünger und ich werde immer älter. Die Zeit läuft nur in eine Richtung. Und zwar gegen mich. Kortschnoi ist ein schwacher Trost, und selbst der verliert mittlerweile gegen "ganz normale" Großmeister.

Das muss der Schachknick sein, der sich zwischen dem 35. und 40. Lebensjahr äussern soll. Der natürliche, unaufhaltsame Verfallsprozess der grauen Zellen. Die Demütigungenen werden immer größer, wenn Jünglinge, Knaben, ja Kinder mit spielerischer Leichtigkeit gegen mich gewinnen. Früher, ja früher floss die Energie noch von mir direkt in die Figuren. Alles ging leicht und flüssig. Doch nun wird alles zäh. Zähe Verteidigung - und doch verloren. Zähes Manövrieren aus der Eröffnung heraus - in eine schlechte Mittelspiestellung hinein. Zähe Verwertung des Bauernvorteils, um dann doch ins Remis abgewickelt.

Und wenn ich mich schliesslich mit dem Unvermeidlichen abgefunden habe, tröste ich mich wenigstens noch damit Altersweise zu sein. Ich stehe drüber. - Verlieren macht mir nichts aus. Das ist doch nur eine Schachpartie und sonst nichts. Endlich kann ich nachvollziehen wie sich die Gedemütigten am Ende der Turniertabelle fühlen. Wie können das manche nur über Jahre und Jahrzente aushalten. Ohne Fortschritt, ohne wirkliche Aussicht auf Verbesserung. Die Hoffnung ist vorhanden. Aber die nackten Zahlen sprechen ihre eigene Sprache.

Tja, vielleicht habe ich das Schachspiel einfach nicht wirklich geliebt. Vielleicht ging es immer zu sehr ums Gewinnen und zu wenig um die Partie. - Vielleicht sind die wirklichen Schachliebhaber die zigtausend Hobbyspieler und Spieler der untersten Klassen, die immer wieder an ihre Grenzen stoßen und dennoch weitermachen. Sollte es sich dabei um die eigentlichen Olli Kahns des Schachsports handeln. Denn "weiter, weiter, immer weiter" war ja der Schlachtruf des manischen Fussballgurus. Niemals aufgeben, immer an sich arbeiten, immer kämpfen, trotz Niederlagen und Schwächen das Spiel zelebrieren. Wie schaffen es die Spieler mit der dreistelligen DWZ nur sich so zu motivieren? Man kann nicht ohne eine gewisse Bewunderung auf diese Spezies blicken, das sind vielleicht die größten Helden des Schachs.

Nr.7, Mai 2007

Früher war alles besser?

Die Globalisierung ist überall. Kürzlich hat mein Arbeitgeber verkündet, er wolle die bisher in verschiedenen Ländern durchgeführten Aufgaben bündeln und in eine international agierenden Gesellschaft überführen. Man erhofft sich Kostenreduzierung und erhöhte Effizienz. Es ist die Rede von Verbesserungspotential und Skaleneffekten. - Ab einer gewissen Unternehmensgröße muss man sich wohl früher oder später auf solche Unternehmensstrategien einstellen.

Wir Schachspieler kennen das schon lange. Wer ineffizient ist verliert ELO-Punkte. Einen Meilenstein der effizienten Rechentechnik beschreibt Alexander Kotow in seinem 1970 erschienenen Buch "Denke wie ein Großmeister". Das strukturierte, computergleiche Variantenberechnen hat ihm nach eigenen Angaben letztlich den Großmeistertitel eingebracht. Es handelt sich dabei um ein für die Schachtheorie bedeutendes Buch, fast schon gleichzusetzen mit Aaron Nimzowitschs 1925 erschienenem "Mein System". Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Spieleffizienz auf sehr niedrigem Niveau. Zu dieser Zeit gab es eine Revolution der Schachstrategie, der Stellungsbeurteilung und der generellen Prinzipien. Man stritt sich darüber, ob die Französische Verteidigung vollwertig oder minderwertig wäre. Die damaligen Schachpropheten hatten fast schon einen Absolutheitsanspruch. Aber die Qualität des Spieles und der Berechnung war sehr niedrig. Wie John Nunn in seinem "Chess Puzzle Book" erläutert war das Niveau beim Turnier von Karlsbad 1911 (eines der wichtigsten historischen Turnier, vielleicht vergleichbar mit San Luis 2005) so schwach, dass Süchting, ein Spieler aus dem Mittelfeld (11,5 aus 25 Punkte) heute etwa eine ELO von 2100 gehabt haben dürfte. Grobe Schnitzer fanden sich so viele, dass Nunn den ursprünglich geplanten Vergleich mit Biel 1993 unterlies.

Tja, die gute alte Zeit. Man hatte Prinzipien, absolute Wahrheiten, Theorien und Zeit. Aber das Spielniveau war niedrig. Nur einige wenige Schachspieler waren Profis. Das ändertes sich, und zu den Zeiten Kotows musste man nur eines: Schachspielen, Schachspielen, Schachspielen, sonst war kein Erfolg zu erreichen. Um an die Weltspitze zu gelangen, war es nicht mehr möglich nebenher etwas anderes zu machen. Aber nicht nur das Profitum brachte das Schach auf ein höheres Niveau.

Seit den 1990er Jahren bis heute gab es in Schach, Gesellschaft und Wirtschaft eine Revolution ungeahnten Ausmaßes. Sämtliche Lebensbereiche wurden durchorganisiert und durchstrukturiert. Es gab sozusagen eine zweite Industrialisierung, die nach den großen Fabriken, wie in der ersten industriellen Revolution nun in alle Verästelungen eindrang, in Büros, Läden, Supermärkte. Wesentlich dazu beigetragen hat natürlich der Computer. Er unterstützte geradezu die Systematisierung und Durchorganisation aller Prozesse.

Damit ist Schach ein Spiegel der Gesellschaft. Wir erleben mit, wie die heutigen Spitzengroßmeister alle vorangegangenen an Qualität und Effizienz überflügeln. Der Computer führt zu immer schnellerem Wechsel der aktuellen Eröffnungsmoden. Neuerungen gibt es am Fließband. Wir leben im spannendsten und dynamischsten Zeitalter, sowohl im Schach als auch in der Gesellschaft. - Das haben wir bezahlt mit dem Verlust an Sicherheit und sogenannten alten Wahrheiten. Die gute alte Zeit kommt nicht zurück.

Nr.6, März 2007

Wer ist die Nummer 1?

Sie haben es bemerkt. Nicht wahr? Seit Monaten ist keine Zeile über die Tastatur geflossen. Und das nennt man gemeinhin eine Schaffenskrise. Aber schliesslich habe ich mich wieder dazu aufgerafft etwas zu schreiben. Man könnte ja sonst meinen, die Kolumne wäre bereits gestorben. Aber auch ein Schriftsteller hat seinen Stolz und so möchte ich also beweisen, dass ich es noch kann, dass noch Blut durch meine fast schon erkalteten Finger fliesst und noch Ströme das matte Hirn elektrisieren.

Und diese Ströme beschäftigen sich diesmal mit einem immer wieder gern aufgegriffenen Thema: Wer war der größte Schachspieler aller Zeiten. Ich will es ein wenig modifizieren und fragen: Wer war das größte schachspielende Genie aller Zeiten welches es bis zur Weltmeisterschaft gebracht hat. Man merke: Das sind zwei verschiedene Dinge, denn unter einem Genie verstehe ich hier jemanden, der es auch ausserhalb des Schachbrettes verstanden hat sich mit seinen Gedanken und Ideen Anerkennung zu verschaffen, der also seinen Intellekt nicht nur auf das Schach beschränkt hat, sondern sich sozusagen mit Allem beschäftigt hat, wenn wir auch alle wissen, dass das eigentlich nicht möglich ist.

Damit scheidet also Bobby Fischer aus, denn er war ja bekanntermassen vollkommen auf das Schach fixiert, abgesehen von ein paar Interessen, die jedoch ebenfalls im weiteren Sinne zum Schach gezählt werden können, wie z.B. das Erlernen der russischen Sprache, um russiche Schachbücher lesen zu können. Gehen wir einfach in der Schachgeschichte rückwärts und versuchen hearauszufiltern, wer sonst noch für die Auszeichnung "größter Schachintellektueller aller Zeiten" in Frage kommt.

Ich lasse alle Schachspieler nach Kasparow beiseite, weil dies zur Verwirrung führt. Auf Kasparow selbst, will ich nacher noch zurückkommen. Dann war da Karpov. Er war ebenfalls auf Schach fixiert. Von ihm ist ausserdem bekannt, daß er Briefmarken sammelt und politisch engagiert ist. Das Briefmarkensammeln kann nicht als intellektuelles Meisterstück betrachtet werden. Sein Engagement für die Politik beschränkte sich auf Kadertreue in recht hohem Rang.

Vor Karpov kam Fischer, den hatten wir bereits ausgeschlossen. Auch über Spassky ist nicht viel mehr bekannt ausser daß er über das Schachbrett hinaus ein Bonvivant war und ist (?). Nun kommen wir bereits in eine Ära, in der unser Wissen über die Weltmeister immer weiter abnimmt. Damit steigt natürlich die Gefahr, dass wir weniger ausserschachliches über die Weltmeister wissen. Die Medien waren zu dieser Zeit weniger präsent als heute. Aber, dies soll auch keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Kolumne sein.

Also weiter: Von 1963-69 war Petrosjan Weltmeister, und mir ist über ihn nicht wesentlich mehr bekannt, als dass er Schach spielte. Ebenso verhält es sich mit Tal und Smyslow. Auch wenn man Tal vielleicht Unrecht damit tut, aber maximal lasse ich Ihn als Schachgenie, nich jedoch darüber hinaus gelten. Auch Botwinnik hat neben Schach, nur wenig weitere Interessen entwickelt.

Und damit möchte ich es auch belassen, denn für mich stand schon von Anfang an fest, und nur an diesem Punkte wollte ich mit all den Ausführungen und Argumenten landen:

Der größte Schachspieler und gleichzeitig das größte schachspielende Genie aller Zeiten überhaupt ist und wird immer sein:
Garry Kasparow.
Guten Tag, liebe Leser.

Nr.5, Mai 2006

Warum ich so weise bin

Nicht jeder schachspielende Kolumnenschreiber hat täglich Zeit sich seinem zweiten Lieblingshobby, dem Schreiben, zu widmen. Und so musste ich die zahlreichen ungeduldigen Leser den April über warten lassen. Doch damit ist es nun vorbei und vollgepackt mit einem Sack interessanter Gedanken muss ich den sprudelnden Quell in eine geordnete Richtung lenken, um nicht allzugroße Verwirrung eintreten zu lassen.

Wie der gebildete Schachspieler - eine vereinzelt auftretende Spezies - vielleicht bemerkt haben wird, ist die heute Überschrift natürlich ein Plagiat. Und zwar ist sie auch die Überschrift eines Nietzsche Kapitels, in welchem der Autor sein Selbstbewusstsein nicht gerade unter den Scheffel stellt.

Meinem berühmten Vorbild will ich in nichts nachstehen und das gequälte und erniedrigte Selbstbewusstein des durchschnittlichen Schachspielers aufrichten, vielleicht sogar in ungeahnte Höhen entschweben lassen. Das Leiden der erniedrigten Schachkreatur im täglichen Kampf mit seiner ignoranten Mitwelt soll ein Ende haben. Die Mischung aus Bewunderung und Mitleid, welche uns entgegenschlägt, wenn wir von unserem Hobby berichten, soll uns nicht mehr beschämen, sondern uns bewusst machen, wie sehr wir uns durch unsere Leidenschaft über die scheinbar einzig richtige und seelig machende Lebensweise der übrigen Welt erheben.

Du spielst Schach? Dann bist Du entweder ein Genie oder ein Verrückter. Genies sind irgendwie auch Verrückte. Also alle ballaballa. Und du erst recht, denn bist du vielleicht der Weltmeister? Wer spielt schon Schach? Fussball muss man spielen, ins Kino gehen, Geld verdienen, geniessen, Urlaub machen. Das sind Ziele für dies es sich lohnt zu leben.Aber Schach? Was bringt das?

Oh Ihr Kleingeister, ihr Kurzsichtigen, ihr seid nicht besser als die Tiere, die dahinvegetieren. Ihr meint zu wissen worum es geht. Ihr sprecht von Sinn und Zielen und glaubt zu wissen was das bedeutet. Was ist das für ein Sinn sich den Buckel krummzuarbeiten für zwei Wochen Mallorca. Was ist das für ein Sinn wie all die Anderen in der Reihe zu stehen, ein Rädchen im Getriebe der Wirtschaft und des Weltgeschehens zu sein und einfach nur zu funktionieren, um dann die wenige verbliebenen Zeit das tägliche Leiden zu vergessen?

Wir Schachspieler sind etwas besonderes. Wir sind etwas einzigartiges. Denn wir sind Aussteiger auf Zeit, oder auf Dauer. Aussteiger aus dem Kreislauf der Wirtschaft. Aussteiger aus dem Kreislauf der sozialen Bindungen, wenn wir eine Zeitlang unserem Autismus folgen, um ein größeres oder kleineres Kunstwerk zu schaffen, welches nicht immer Jahrhunderte überdauern wird, aber unserem ansonsten sinnlosen und kleinen Leben etwas künstlerisches, kämpferisches, scheinbar sinnloses und doch sinnhaftes verleiht. Wir fahren keinen Benz oder Porsche, wir haben keine Villen und keine Macht. Wir haben nicht so viele Kumpels und Saufkumpane wie ihr. Aber wir haben ein tolles Hobby und ihr könnt uns belächeln wie ihr wollt.
Ihr seid kein bischen weiser.


Nr.4, März 2006

Den typischen Schachspieler erkenne ich sofort.

Kürzlich wollte ich's mal wieder wissen. Ohne Schach kann ich nicht leben. Also, Rochade gekauft, Turnier ausgesucht und los geht's. Der Turnierort war neu, aber die Anfahrt kam mir bekannt vor. Zuerst natürlich die obligatorische Spielortsuche. Samstag früh, vorbei an älteren Frauen mit Einkaufstaschen, eine Familie mit Kind geht spazieren, ein kleiner Junge spielt Fussball. Und dann die ersten Indizien.

Ein junger Mann mit schlabbrigen, abgewetzten Hosen, Umhängetasche, ungepflegten Haaren, Lederjacke. Sein Gesichtsausdruck ist gleichgültig, er geht zügig und leicht gebeugt. Gleich darauf eine Gruppe Jugendlicher, zwischen 16 und 20 Jahren. Sie diskutieren heftig, ohne dabei ihren Schritt zu verlangsamen. Schliesslich ein Mann mittleren Alters im Sacko. Dazu trägt er ausgebeulte Jeans. In der Hand hat er eine Alditüte. Alle gehen in die gleiche Richtung. Das Spiellokal kann nicht mehr weit sein.

Angekommen suche ich noch schnell einen Parkplatz und auf geht's zur Anmeldung. Ich bin schon spät dran und muss mich etwas beeilen. An der Anmeldekasse hat sich schon eine Schlange gebildet. Im ganzen Gebäude hört man Stimmengewirr, im Hintergrund klappern Figuren und Blitzuhren.

In der Anmeldeschlange dürfte der Anteil an typischen Schachspielern 99% betragen. Also genau beobachten: Der Mann vor mir spricht russisch. Eben bin ich noch an im vorbeigefahren. Es ist der Typ mit dem Sacko und der Alditüte. Er hat auch gleich seine Kumpels mitgebracht. Auch sie sprechen alle russisch oder so was ähnliches. Bestimmt alles Titelträger. Nun treffen auch die Jugendlichen von eben ein. Sie reihen sich in die Schlange und unterhalten sich angeregt. Es geht um eine exotische Gambitvariante - Blackmar-Diemer oder vielleicht auch das Elefantengambit. Einer ist der Wortführer und lässt andere Gesprächsthemen im Moment nicht gelten.

Schliesslich erkenne ich auch noch den jungen Mann mit der Umhängetasche. Er hat einen Freund getroffen. Sie kennen sich vom letzten Open vor ein paar Wochen. Beide tauschen Ihre Erfahrungen aus. Der eine ist auf dem vorletzen, der andere auf auf einem hinteren Mittelplatz gelandet. Sie scheinen alle etwas besseren Spieler zu kennen, denn sobald ein solcher eintrifft kommentieren Sie Ihn, zum Beispiel mit: Den kenne ich. Der hat vor 3 Jahre ein Remis gegen GM Soundsoovic in der zweiten Runde gescchafft.

Dann erzählt der Erste über seine garantiert gewonne Stellung aus dem letzten Turnier mit Springer auf f4, Bauer auf h3 und Läufer auf g5. Mehr Informationen zur Stellung gibt er nicht. Nur noch, dass es Sizilianisch war und im 23. Zug Dc7 gewonnen hätte. Er hört nicht auf zu reden und gibt ständig Varianten an, die zum Gewinn geführt hätten. Der Andere tut so als hätte er verstanden und nickt die ganze Zeit. Ab und zu wirft er eine Bemerkung ein. Als der erste schliesslich fertig ist erzählt der zweite eine ähnliche Geschichte.

Jetzt bin ich an der Reihe mit Startgeld zahlen. und versuche möglichst schnell unauffällig zu verschwinden. Ich kenne nämlich die beiden hinter mir und will auf keinen Fall in ein Gespräch verwickelt werden. Schliesslich weiss ich so ziemlich genau wie es verlaufen wird.

Nr.3, März 2006

Die deutschen Schachspieler sterben aus,...

könnte man es nicht auch so sehen, wenn man die Artikel der letzten Tage über die schrumpfende deutsche Nation liest? Immernoch habe ich an meiner Niederlage (siehe auch Kolumne Nr. 2) zu knabbern, und so habe ich beschlossen mich nochmal diesem Thema etwas abseits des Turnierschachs zu widmen.
ES gibt es in den letzten Tagen kein Medium, welches das "die Deutsche sterben aus" Thema nicht aufgreift und ausschlachtet. Gestern in der Tagesschau, vorgestern im Spiegel, heute in der Stuttgartet Zeitung. Sind wir wieder bei einer gleichgeschalteten Presse angelangt? Es scheint so: zumindest was die Themenauswahl betrifft. Wenn in allen Medien über die Vogelgrippe geschrieben wird, dann muss das auch in Tageszeitung X und in Fernsehsendung Y getan werden. Wenn in NRW ein Kampfhund zugeschlagen hat, schreibt die ganze Republik zwei Tage über Kampfhunde. Wenn in Berlin ein Kind vernachlässigt wurde muss das auch Hans Hinterhuber in Garmisch-Partenkirchen wissen. Und zwar darf er das über Bildzeitung, Süddeutsche, Erstes, Zweites und RTL erfahren - wir sind eben informiert.
Aber wir wissen ja: Schach ist ein Randthema und kein Reisser. Und so müssen wir uns eben in Kolumnen und Spezialistenkreisen mit dem Thema der aussterbenden deutschen Schachspezies befassen.
Was bedeutet es, wenn in Deutschland immer weniger Schachspieler geboren werden? Natürlich sinken die Beiträge an den deutschen Schachbund. Experten haben berechnet, dass bei gleichbleibender Geburtenrate der Durchnittsbeitrag an den Schachbund im Jahr 2043 pro Mitglied bei monatlich 567 Euro pro Person liegt. Um dies auszugleichen müsste jede heutige Schachspielerin pro Jahr mindestens 2,4 Kinder bekommen. Nur so liessen sich die Beiträge auf etwa gleichem Niveau halten. Nun kann man sich ausrechnen, dass selbst bei günstigsten Bedinungen etwa ein Kind pro Jahr der maximal erreichbare Wert wäre (An männlichen Schachpartnern dürfte es ja nicht mangeln). Das führt zu der Annahme, dass die Gebühren im Jahr 2043 bei monatlich mindestens 285 Euro liegen werden. Keiner wird bereit sein diesen Betrag zu bezahlen. Es muss also mit Massenaustritten und letztlich einer Auflösung des DSB in den nächsten 20 bis 25 Jahren gerechet werden. Ein beunruhigendes Szenario. Das muss ich sofort den DSB Funktionären mailen. Wenn die feststellen, dass es so ernst ist geben sie es an die Presse und es wird vielleicht das nächste Top-Thema in der SZ oder im Heute Journal.

Nr.2, März 2006

Mein Gott, spiele ich schlecht...

... denke ich, als ich meine letzte Partie mit Fritz analysiere. Die Eröffnung: Noch akzeptabel. Das Mittelspiel: Jeder dritte Zug ein Fehler, erst von mir, dann von meinem Gegner. Das Endspiel: Mittelmäßig bis gruselig. - Mein Gott spiele ich schlecht.
Und ich schreibe auch schlecht. - Die zweite Kolumne und schon fehlt mir die Inspiration. Die Antwort auf die drängende Frage aus dem ersten Teil muss ich auf später verschieben, verzeihen Sie mir. Jetzt muss ich erstmal wieder mein Ego aufbauen. So ein Verlust geht einfach unglaublich an die Nieren.
Ich habe gehört eine Niederlage kann man am besten überwinden, wenn man sich geistig erstmal vom Schachgeschehen löst. Reden wir also vom Wetter, von der Ästhetik, von schönen Dingen, von der Liebe. Ach die Liebe... Der Schachspieler und die Liebe. Das ist wie Feuer und Wasser. Wenn man Schach spielt kann man auf Liebesdinge keine Rücksicht nehmen. Und wer verliebt ist spielt bekanntlich schlechter. Die Hormone blockieren das Denken. Die Konzentration geht flöten, es droht: Erst Schäferstündchen, dann Schäfermatt. Nicht umsonst hat Miguel Najdorf zum Thema gemeint: "Sex before the game is very bad for chess players." Sollte das etwa der Grund für meine ganz bestimmt unverdiente Niederlage gewesen sein? Darüber muss ich nochmal nachdenken.

Nr.1, März 2006

Ich bin der Beste, ...

... ja, das weiß ich genau. Ich spiele klasse Partien, tiefgründige Kombinationen, positionelle Perlen und könnte eigentlich gegen jeden gewinnen - Tue ich aber nicht. Und das gibt mir zu denken.
Ein so fantastischer Spieler müsste doch mehr Erfolge aufweisen. Müsste mal unter den ersten 10 bei einem Open landen, müsste mal ein gutes Blitzturnier gewinnen, müsste eine Partie von a-z überzeugend spielen. Und doch ist das nicht der Fall. Wie kommt das nur?
Mit diesem Gedanken gehe ich nun über 15 Jahre schwanger und wagte ihn bisher nicht auszusprechen - auszuschreiben. Und nun ist es doch passiert. Ich schäme mich dafür. Dabei weiss ich, dass es da draussen in der Welt noch hunderte, tausende, abertausende Spieler gibt die genauso denken wie ich. Und die genau wie ich keine Antwort auf diese bohrende Frage kennen.
Wie habe ich es nur so lange Zeit ausgehalten, ohne eine Antwort, ohne einen Fingerzeig? Wie haben es all die Schachfreunde da draussen in der Welt ausgehalten? Wie erklärten Sie sich die immer neuen Verluste, die immer neuen schachlichen Demütigungen, die schachlichen Tiefschläge in gewonnener Stellung? Und das obwohl wir doch die Besten sind.
Es muss darauf einfach eine Antwort geben. - Und die gebe ich in der nächsten Kolumne.

 
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